Ethnic and Social Minorities in China
Forschungs- und Buchprojekt am MMRC (abgeschlossen)
Projektbericht:
Meine Forschung am MMRC umfasste zwei Projekte: Einerseits arbeitete ich an einem Buchprojekt über die Musikkultur von sogenannten „Floating Migrants” aus China, andererseits befasste ich mich mit indigenen Gruppen, die in China offiziell als ethnische Minderheiten registriert sind. Darüber hinaus führte ich Feldforschungen mit Migrant*innen aus China in Wien durch.
„Floating Migrants” sind Migrant*innen aus ländlichen Gebieten, die im modernen China in die Städte gezogen sind. Aufgrund von politischen Urbanisierungmaßnahmen und den daraus resultierenden Einkommensunterschieden zwischen ländlichen und städtischen Regionen haben diese Menschen ihre Heimat verlassen, um in den Städten bessere Lebensbedingungen vorzufinden. In chinesischen Städten sind diese „Floating Migrants” benachteiligt, da sie gegen die staatlichen Beschränkungen der Bevölkerungsmobilität verstoßen. Sie leiden unter verschiedenen Formen der Diskriminierung im städtischen Kontext, da sie ihre zugewiesenen strukturellen Positionen im Sozialsystem nicht einnehmen können. Basierend auf meinen von 2011 bis 2014 durchgeführten Forschungen zu diesen „Floating Migrants“ für meine Dissertation ist im Jahr 2025 ein Buchprojekt entstanden. Es interpretiert die gesammelten Materialien zusammen mit neueren Feldbeobachtungen in chinesischen Städten innerhalb eines neu strukturierten analytischen Rahmens.
Ausgehend vom ethnomusikologischen Minderheitenkonzept zeigt dieses Buch, wie sich Machtverhältnisse und Verhandlungen in den musikalischen Äußerungen dieser marginalisierten Migrant*innen ausdrücken bzw. wie diese auf die Gruppe einwirken. Es offenbart das komplexe Zusammenspiel von Kräften, Faktoren sowie individuellen und kollektiven Entscheidungen, die sich in den musikalischen Performanceswiderspiegeln, sowie die Spannungen, Kompromisse und Handlungsmöglichkeiten, die hinter jeder Performance stehen. Betrachten wir „Minderheiten“ als Personen und Gruppen, die einem höheren Diskriminierungsrisiko ausgesetzt sind, wie es dieses Buchprojekt argumentiert, dann wäre die stereotype musikalische Darstellung dieser Minderheiten eine Quelle solcher Diskriminierung. Staatlich geförderte Musikaufführungen, die ein Millionenpublikum im ganzen Land erreichen, prägen die öffentliche Wahrnehmung von Migrant*innen. Dies geschieht jedoch nicht durch negative Darstellungen ihres Verhaltens, sondern durch stereotype Bilder ihres vorgeblich angenehmen städtischen Lebens und ihrer Bereitschaft zu selbstlosem Engagement. Da die meisten Stadtbewohner*innen keinen Zugang zur Darstellung von abweichenden Meinungen und Gegenbeweisen haben, lenken diese sich gegenseitig bestätigenden Darstellungen ihre Aufmerksamkeit von den sozialen Ungerechtigkeiten ab, denen diese Migrant*innen ausgesetzt sind. Gleichzeitig bieten Rockmusikaufführungen einen alternativen Raum für Nonkonformist*innen, die von den staatlich geförderten musikalischen Darstellungen nicht überzeugt oder daran nicht interessiert sind. Obwohl diese Rockauftritte als rebellische Stimmen der Unterschicht beworben werden, ergänzen sie die offiziellen musikalischen Darstellungen eher, als dass sie diese infrage stellen. Sie kanalisieren den Wunsch der Menschen, sich über Beschränkungen hinweg zu setzen. Darüber hinaus verändern sich Machtverhältnisse im Laufe der Zeit und in unterschiedlichen Kontexten ständig. Eine Minderheitengruppe, die in einem Umfeld benachteiligt ist, kann in einem anderen Umfeld die dominante Gruppe sein, die Privilegien genießt. Eine Gruppe, die an einem Ort Musik macht, um sich gegen soziale Diskriminierung zu wehren, kann an einem anderen Ort ungerechte Normen aufrechterhalten. Durch die Untersuchung der Stimmen von Frauen in patriarchalischen Kontexten sowie der musikalischen Praktiken von „Floating Migrants“ zeigt dieses Buch, wie sich multiple Machtverhältnisse verflechten können und wie der Status von Minderheit und Mehrheit innerhalb einer Gruppe und in ihrer Musikproduktion koexistieren kann.
Zusätzlich zu dem in Kürze bei mdwPress erscheinenden Buchmanuskript über „Floating Migrants“ habe ich die zwischen 2015 und 2022 bei ethnischen Minderheiten in China gesammelten ethnografischen Daten erneut untersucht. In dieser Forschung beleuchte ich die Konstruktion ethnischer Minderheitenmusik in China und fordere eine Dekolonialisierung bzw. Indigenisierung der Erforschung chinesischer Musik. Zwischen 1950 und 1979 startete China ein landesweites Projekt zur ethnischen Identifizierung, durch das die Bevölkerung in 56 Ethnien eingeteilt wurde. Seitdem wird allen chinesischen Musiker*innen und ihren musikalischen Praktiken eine dieser 56 Identitäten zugewiesen. Wie meine jahrzehntelange ethnografische Forschung jedoch zeigt, existierten einige dieser 56 ethnischen Gruppen vor dem 20. Jahrhundert gar nicht. Mindestens 500 in den Grenzprovinzen Chinas beheimatete Gruppen identifizierten sich in den 1950er Jahren gemäß den offiziellen Kriterien als Ethnien. Diese kulturell unterschiedlichen indigenen Gruppen wurden jedoch aufgespalten und zu neu konzipierten Ethnien zusammengefasst. Meine Forschung legt nahe, die staatlich festgelegten ethnischen Kategorien, die neu komponierten ethnischen Geschichten und die auferlegten kulturellen Attribute zu überdenken und die Stimmen der indigenen Bevölkerung in die Erforschung der chinesischen Musik einzubeziehen.
Seit August 2023 arbeite ich mit in Wien lebenden Migrant*innen aus China, deren Musikkultur lange Zeit übersehen oder stereotypisiert wurde. In meiner Forschung konzentriere ich mich auf musikalische Aktivitäten, die im Alltag außerhalb professioneller Bereiche stattfinden und der öffentlichen Aufmerksamkeit verborgen bleiben. Ausgehend von der von Edward Soja (1996) und Homi Bhabha (2004) vorgeschlagenen Metapher des „dritten Raums” untersuche ich die musikalischen Aktivitäten von Migrant*innen als kreative Zonen, in denen verschiedene Kulturen, Identitäten und soziopolitische Kräfte aufeinandertreffen und interagieren, um neue Ausdrucks- und Praxisformen zu schaffen. Inspiriert von Studien zur Minderheitenmusik und urbanen Ethnomusikologie untersuche ich, wie Migrant*innen aus China in Wien, einem Ort mit mehreren Musikwelten, ihre eigene „Mikromusik” (in Anlehnung an Mark Slobins Verwendung des Begriffs im Jahr 1992) schaffen. Außerdem untersuche ich die Rolle der musikalischen Praktiken von Migrant*innen bei der Überwindung bestehender Barrieren und sozialer Spaltungen, bei der Schaffung gemeinschaftlicher emotionaler Erfahrungen, beim Aufbau von Allianzen innerhalb der migrantischen Community sowie bei der Förderung des gegenseitigen Verständnisses und des Respekts im Zusammenhang mit Einheimischen. Diese Forschung war die Grundlage für die Einreichung eines Förderantrags für das Principal Investigator Project The Musical Practices of Migrants from China in Vienna beim Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF.
Während meiner dreijährigen Tätigkeit als Mitglied des Music and Minorities Research Center (MMRC) hatte ich die Gelegenheit, mich mit Ethnomusikolog*innen auszutauschen, die sich mit marginalisierten Gruppen in verschiedenen Teilen der Welt beschäftigen. Die Forschungsprojekte meiner MMRC-Kolleg*innen mit verschiedenen Migrantengemeinschaften inspirierten mich, mich mit den lange vernachlässigten musikalischen Praktiken zu befassen, durch die unterrepräsentierte Migrant*innen aus China kulturell überleben und sich sozial in die Wiener Gesellschaft integrieren. Die lebhafte Diskussion über die Wechselbeziehung zwischen Musik, Musikforschung und Aktivismus veranlasste mich, die Daten aus meiner früheren Forschung zu überprüfen und mein Augenmerk auf Machtstrukturen und Verhandlungen in den musikalischen Darbietungen der Musiker*innen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, zu richten. Durch meine Forschung mit chinesischen ethnischen Minderheiten wurden auch neue Aspekte in den Diskurs über Musik und Minderheiten eingeführt. Dabei wurde aufgezeigt, wie „Minderheit” in bestimmten politischen Zusammenhängen als umstrittenes und irreführendes Etikett im Prozess der sozialen Positionierung und Gruppierung von Menschen fungieren kann.
Projektleitung: Kai Tang
Projektlaufzeit: Oktober 2022 – September 2025
Finanzierung: Deborah Wong Research and Publication Award der Society for Ethnomusicology, Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF Grant-DOI 10.55776/Z352